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Interview mit Stadtmajor Heinz Joachim Pecher

Ein Artikel aus unserem Blog Freischießen 2019

Ein Artikel aus unserem Blog Freischießen 2019

Zum dritten Mal führt Heinz Joachim Pecher das Mindener Bürgerbataillon als Stadtmajor in ein Freischießen. Der 59-jährige trat im Oktober 2001 in die 5. Kompanie ein, wechselte im Juni 2003 zur Eskadron und wurde dort im September 2007 Einheitschef. 2002 war er außerdem zum Adjutanten ernannt. Im März 2013 folgte Pecher auf Klaus Piepenbrink als neuer Stadtmajor.

Als pensionierter Berufssoldat hatte der gebürtige Paderborner schon immer einen guten Draht zum Freischießen. Heinz Joachim Pecher ist verheiratet und hat einen Sohn. Zudem ist er freiberuflicher Personal Coach.

Herr Stadtmajor, erklären Sie doch mal, warum man zum Freischießen nicht Schützenfest sagen sollte...?

Pecher: Das Mindener Bürgerbataillon kommt nicht aus dem Schützenwesen. Es hat seine Herkunft aus der Wehrgeschichtlichkeit der Stadt. Nach dem westfälischen Frieden 1648 entschied der Große Kurfürst als damaliger Regent, dass die Mindener Bürger Schießübungen durchführen sollen, um sich im Notfall selbst verteidigen zu können. Daraus hat sich urkundlich belegt 1682 das erste Mindener Freischießen entwickelt. Der beste Schütze wurde von den Steuern befreit und hat sich quasi freigeschossen. Das war ein hohes Gut. Damals fand das Freischießen jährlich statt. Heute alle zwei Jahre, deshalb gibt es auch zwei Majestäten. Zur Belohnung wird heute noch eine 50 Taler-Prämie von der Bezirksregierung überreicht.

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Nach 1984 – damals von Kanzlers Weide in die Innenstadt – wechselt das Freischießen wieder den Standort. Fällt Ihnen der Weggang von Dom, Rathaus und Markt schwer?

Pecher: Grundsätzlich gehört das Freischießen in die Innenstadt!
Wir mussten jedoch diese Entscheidung relativ früh treffen, nämlich ein Jahr vor diesem Freischießen. Das haben wir sicher nicht freiwillig getan, sehen es inzwischen aber als Chance. Wir sind jetzt auf einem zentralen Platz und das Bataillon rückt enger zusammen. Für uns ist das alles neu und eine echte Bewährungsprobe. Wir sind guter Dinge, weil wir ein großartiges Programm für die Bevölkerung auf die Beine stellen.

Das Freischießen in der Innenstadt war mehr oder weniger Routine. Gehen Sie mit mehr Anspannung in dieses Freischießen in der neuen Umgebung?

Pecher: Anspannung gehört immer dazu. Es ist arbeits- und gesprächsintensiver, zum Beispiel mit der Stadt und dem Landrat. Denn wir mussten auch den Ort des Schießens wechseln, da die Rathaus-Tiefgarage ebenfalls renoviert wird. Wir sind sehr dankbar, dass der Kreis Minden-Lübbecke sofort der Verlegung in die Tiefgarage des Kreishauses zugestimmt hat.

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Wie funktioniert die Organisation des Freischießens? Das können sicher nicht nur der Vorstand mit den Einheitschefs, Spießen und der Bataillonsspitze alleine auf die Beine stellen…

Pecher: Wir haben seit 2002 viele Kommissionen für diverse Themen. Zum Beispiel Musik, Werbung, Schießen oder Aufbau. Für 2019 gibt es eine neue Kommission Wirtschaft und Sponsoring. Der geschäftsführende Vorstand kann diese Aufgaben alleine nicht bewältigen. Viele Kameraden engagieren sich ehrenamtlich je nach Beruf oder Interesse, viele helfende Hände sorgen dafür, dass wir alle zwei Jahre Freischießen feiern können. Nach einem Freischießen wird Bilanz gezogen und ein Jahr vor dem nächsten Fest geht es in der Vorbereitung schon wieder in die Vollen. Zum Beispiel werden dann die ersten Verträge mit den Bands gemacht.

Die Zeiten und das Freizeitverhalten der Menschen haben sich in den vergangen zwei Jahrzehnten zum teil dramatisch geändert. Wie hat sich das Mindener Bürgerbataillon für das Freischießen darauf eingestellt?

Pecher: Wir haben unter anderem ein neues Finanzierungskonzept, denn zum Beispiel hat sich das Eventverhalten verändert. Das Angebot an Getränken und Speisen aller Art ist sehr groß. Und wir versuchen, Neuerungen zu bieten und das Programm attraktiv zu gestalten. Zum Beispiel gibt es diesmal eine zentral stehende Bühne. Davon profitieren alle. Und am Sonntag gibt es um 11 Uhr zum ersten Mal einen Open-Air-Gottesdienst - von der Sankt Martini-Gemeinde durchgeführt - und im Anschluss ein Platzkonzert mit den Lustigen Musikanten aus Häverstädt.

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Viele Vereine aus allen gesellschaftlichen Bereichen klagen über Nachwuchsprobleme. Was tut das Bürgerbataillon zur Gewinnung neuer Mitglieder?

Pecher: Das Mindener Bürgerbataillon hat 2002 die Junggesellenkompanie aus dem 17. Jahrhundert wiederbelebt. Da können junge Leute, die ein weißes Hemd und eine schwarze Hose besitzen, das Freischießen miterleben und reinschnuppern. Diese Kompanie hat inzwischen auch ein eigenes Quartier sowie ein Zelt beim Freischießen. Die Kompanien sind selbst natürlich auch aktiv, laden jüngere Menschen zu Veranstaltungen ein oder sind in sozialen Projekten aktiv. Es geht immer über den menschlichen Kontakt.

Mancher mag sich fragen, warum das Freischießen im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindet. Ist der Aufwand für die Ehrenamtlichen des Bürgerbataillons zu hoch oder was steckt dahinter?

Pecher: Es geht ja nicht nur um die vier Veranstaltungstage von Donnerstag bis Sonntag. Für die Kompanien kommen ja im Vorfeld eines Freischießens zahlreiche Termine hinzu. Der Organisationsaufwand ist jährlich in der Tat kaum zu leisten. Und es geht natürlich auch um die finanzielle Belastung. Aus meiner Sicht hat sich der Zwei-Jahres-Rhythmus bewährt.

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Am Wachtag am Freitag und beim großen Ausmarsch am Samstag marschieren alle Jahre wieder sehr viele Mindener Pioniere der Bundeswehr in den Einheiten mit. Was bedeutet diese gelebte Patenschaft mit den Kompanien des Schweren Pionierbataillons für das Bürgerbataillon?

Pecher: Als ehemaliger Soldat bin ich da natürlich etwas befangen. Für mich hat die Patenschaft eine sehr hohe Bedeutung. Wir haben im Februar bei der Feier zum 60-jährigen Bestehen des Pionierstandorts Minden gesehen, dass die Bundeswehr hier eine hohe Anerkennung genießt. Die Patenschaft zwischen dem Mindener Bürgerbataillon und den Pionieren steht nicht nur auf dem Papier, sie wird herausragend gelebt. Sehr viele aus der soldatischen Gemeinschaft sind so wie ich ins Bürgerbataillon eingetreten, haben zum Teil Führungsverantwortung übernommen und in Minden ihre Heimat gefunden. Auch die in der Mindener Kaserne wieder stationierten Briten sind vor zwei Jahren mitmarschiert. Das wird sicherlich weitere Früchte tragen.

Wie steht es um den Punkt Sicherheit beim Freischießen 2019?

Pecher: Der Simeonsplatz hat den Vorteil, dass eine Gefährdung dort nicht so hoch einzustufen ist, wie in der Innenstadt. Der Platz ist begrenzt, Poller sind schon vorhanden und die wenigen Zufahrten kann man mit einfachen Mitteln sichern. Trotzdem gibt es natürlich wieder ein umfangreiches Sicherheitskonzept, auch was die Bewachung des Platzes angeht.

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Der Parademarsch führt von Kanzlers Weide zum Simeonsplatz. Müssen die alteingesessenen Mindener auf Ihren Stammplatz in der Mindener Altstadt verzichten?

Pecher: Natürlich nicht! Wir nehmen gerne einen längeren Marschweg in Kauf und marschieren über Weserbrücke, Wesertor, Bäckerstraße, Markt und Obermarktstraße durch die komplette obere Altstadt beginnend in der Ritterstraße. Da werden alle Zuschauer wieder auf ihre Kosten kommen!

Zum ersten Mal übernimmt Carsten Dehne, früher Radio Westfalica, am Freitag und Samstag die Moderationen auf den verschiedenen Schauplätzen. Was verspricht sich das Mindener Bürgerbataillon davon?

Pecher: Er ist meines Erachtens auch ein Mindener Buttjer. Carsten kennt das Bataillon sehr gut und ist regelmäßig beim Freischießen dabei. Durch seine berufliche Tätigkeit ist er sehr bekannt und er hat eine herausragende Stimme.

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Wären Sie eigentlich selbst gerne Freischießen-König? Was würde es für das Freischießen bedeuten, wenn der Stadtmajor plötzlich eine der beiden Majestäten ist?

Pecher: Diese Frage stelle ich mir natürlich immer, wenn ich meinen Schuss abgebe. König zu werden, ist die höchste Würde im Mindener Bürgerbataillon. Ich weiß natürlich um meine Verpflichtungen als Stadtmajor und die ist für mich vorrangig. Wenn ich es aber werden würde, dann müssten wir umdisponieren, aber einen Plan B haben wir dafür ehrlicherweise noch gar nicht. Das wäre sicherlich spannend.

(Text und Fotos: Mindener Bürgerbataillon)

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