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Platinfäden retten Leben

Neuroradiologische Intervention am Gehirn.

Es waren entsetzliche Kopfschmerzen, die Silke W. plötzlich plagten. Kurz nachdem Sie die ersten Symptome an einem Samstagabend bemerkt hatte, kamen auch noch Sehstörungen hinzu. Ihr Mann tat in dieser bedrohlichen Situation genau das Richtige: Er alarmierte den Rettungswagen. W. wurde ins Johannes Wesling Klinikum Minden (JWK) gebracht. Aufgrund der massiven Beschwerden hatten die Ärzte in der Notaufnahme sofort den richtigen Verdacht: Im Gehirn der 47-Jährigen hatte sich eine lebensbedrohliche Blutung auf dem Boden eines geplatzten Gefäßaneurysmas gebildet.

MKK"Mit Hilfe der Aufnahmen in unserem Computertomographen konnten wir diese erste Vermutung durch eine Angiographie rasch bestätigen", erklärt Professor Dr. Wolf-Dieter Reinbold, Chefarzt des Institutes für Diagnostische Radiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin am JWK. „In solchen Fällen müssen wir sehr schnell reagieren. Denn so ein Aneurysma schädigt nicht nur auf Dauer das umgebende Hirngewebe unwiederbringlich, es kann auch erneut platzen und zu starken Blutungen ins Gehirn und die Hirnhäute führen.“ Tatsächlich starben früher zwei von drei Patienten beim Auftreten einer solchen Gefäßaneurysmablutung.

Behandlungsalternativen werden geprüft
Silke W. konnte geholfen werden. „In einem hoch spezialisierten Haus wie dem JWK haben wir in solchen Fällen zwei Möglichkeiten: Entweder die Kollegen aus der Neurochirurgie öffnen den Schädel und operieren die betreffende Stelle oder ein Neuroradiologe behandelt das Aneurysma über eine Katheterintervention“, erläutert Reinbold. Ein Team aus Neurologen, Neurochirurgen und Neuroradiologen bewertet den klinischen und radiologischen Befund. Gemeinsam wird dann entschieden, welcher Eingriff - Operation oder röntgengestützter Verschluss des Gefäßaneurysmas mit einer Platinspirale vom Gefäßinnenlumen aus - durchgeführt wird unter diesen Notfallbedingungen. Dieses Verfahren mutet für medizinische Laien an wie aus einer anderen Welt. Die Experten öffnen lediglich die Arterie in der Leistengegend und platzieren dort einen Katheterschlauch, der durch die Blutgefäße und durch die Halsschlagader bis ins Gehirn geführt wird. Um so einen Eingriff durchführen zu können, ist eine große Erfahrung und viel Fingerspitzengefühl notwendig. Dem Neuroradiologen stehen tatsächlich nur seine Fingerspitzen zur Verfügung, um den Katheter durch das Labyrinth der Blutgefäße an die erkrankte Stelle im Gehirn zu bringen. Für die Bildung eines solchen Aneurysmas gibt es mehrere mögliche Ursachen: Manche Menschen haben einfach eine genetische Disposition für die Missbildung von Gefäßen. Bei anderen kommen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen oder eine Fettstoffwechselstörung hinzu.

Ständige Kontrolle erforderlich
Bei Silke W. entschied sich das Behandlungsteam unter der Leitung von Prof. Reinbold für diese Eingriffsvariante des Coilings in Vollnarkose. „Das Aneurysma-Coiling hat im Gegensatz zur Operation mehrere Vorteile: Der Eingriff geht schnell, Diagnostik und Therapie können in einem Schritt erfolgen. Außerdem ist der Eingriff ist nicht so belastend für den Körper wie eine OP.“ Der Begriff Coiling kommt von dem sogenannten Coil, einem platinbeschichteten millimeterdünnen Metalldrähtchen. Dieses schieben die Experten über den Katheterschlauch bis zu der Aussackung des Blutgefäßes und verstopfen dieses damit. Der komplette Eingriff erfolgt unter Röntgenkontrolle. Das heißt, in regelmäßigen Abständen werden dreidimensionale Bilder der Blutgefäße im Gehirn gemacht. Die Experten können so verfolgen, ob ihre Behandlung erfolgreich verläuft oder nicht. „Wir dürfen uns hier keinen Fehler erlauben“, erklärt Reinbold. „Das ist schon eine enorme Verantwortung, die auf einem lastet, auch wenn der Eingriff selten länger als 90 Minuten dauert. Die Belohnung ist dann natürlich, wenn man Menschen helfen kann und sie trotz dieser sehr schweren Erkrankung ohne bleibende Schäden weiterleben können.

Bei Silke W. erfolgte der Eingriff glücklicherweise schnell genug, so dass es zu keiner massiven Blutung gekommen war und sich die bereits geschädigten Hirnareale wieder erholen konnten. Bereits wenige Tage nach der Behandlung konnte sie das Johannes Wesling Klinikum Minden wieder verlassen. (Text und Fotos: MKK)