Online-Magazin für Minden und Umgebung

So leben Sie länger

Die Chancen dafür sind so gut wie nie. Die Lebenserwartung der Deutschen steigt ständig. Für ein erfülltes und langes Leben kann man selbst viel tun. Gesunde Ernährung und Sport galten bisher als wichtigste Faktoren für ein hohes Alter. Doch warum erreichen auch von diesen Menschen, die immer gesund gelebt haben, manche ein biblisches Alter, während andere frühzeitig von Krankheit dahingerafft werden? Ist die individuelle Lebenserwartung genetisch festgelegt? Es gibt also doch vielleicht Geheimnisse oder Rezepte, um gesund und glücklich alt zu werden? Können wir durch Lebensstil, Ernährung, Sport und Lebenseinstellung das Lebensalter beeinflussen? Forscher fanden heraus: Disziplin, Ehrgeiz und Geselligkeit sind sehr viel entscheidender.

Möglichst alt werden und dabei gesund bleiben – wer möchte das nicht? Die Studie dahinter: Bereits 1921 startete Kalifornien/USA ein einzigartiges Projekt: 1.500 hochbegabte Grundschulkinder wurden ausgewählt, die fortan regelmäßig alle fünf Jahre durch einen Fragebogen und alle zwölf Jahre ausführlich befragt und danach durchs Leben begleitet wurden. Da die Probanden ähnliche Voraussetzungen hatten, konnten die Wissenschaftler Friedman und Martin aus dem vorliegenden Material bedeutsame Rückschlüsse auf entscheidende Faktoren für ein langes Leben ziehen. Die überraschenden Ergebnisse stellen viele bisherigen Annahmen auf den Kopf.

Zum Beispiel hatte man erwartet, dass eine optimistische Persönlichkeit zu einem längeren Leben führt. Ein Irrtum. Im Erwachsenenalter gehen Optimisten sorgloser mit ihrer Gesundheit um. Sie greifen eher zu Alkohol und Zigaretten und tendieren öfter zu riskanten Hobbys. Für die Bewältigung kleinerer Krisen ist ein glückliches Naturell hilfreich und erleichtert das Leben in vielen Dingen, führt aber nicht zu einer höheren Lebenserwartung. Umgekehrt jedoch wirkt sich ein ausgeprägter Pessimismus deutlich lebensverkürzend aus. Vor allem männliche „Schwarzseher“ starben im Schnitt früher, vor allem auch durch Unfälle. Menschen mit Pessimismus und Selbstvorwürfen ziehen demnach das Unglück förmlich an. Doch wenn Optimismus auf lange Sicht nicht hilfreich und Pessimismus sogar gefährlich ist, wie sieht dann der Königsweg zu einem langen und gesunden Leben aus?

Ein entscheidendes Persönlichkeitsmerkmal ist offenbar Disziplin. Tatsächlich scheinen klassische Tugenden wie Zielstrebigkeit, Beständigkeit und Pflichtbewusstsein ein biblisches Alter zu begünstigen. Gewissenhaftigkeit hat sich als der beste Persönlichkeitsindikator für die Lebensdauer erwiesen. Gewissenhafte Menschen bleiben auch im Alter aktiv. Wer sich für seine Ziele engagiert, lebt am längsten, so die Forscher Howard Friedman und Leslie Martin. Beziehungsbrüche wie eine Scheidung tragen vor allem bei Männern zu einem höheren Sterblichkeitsrisiko bei, wohingegen sie sich bei Frauen deutlich weniger gesundheitsschädlich auswirkten.

Möglichst alt werden und dabei gesund bleiben – wer möchte das nicht?Erfolg im Beruf zeigte sich in der Studie als eine der wichtigsten lebensverlängernden Faktoren. Die Erfolgreichsten unter den Teilnehmern lebten im Schnitt fünf Jahre länger als die Erfolglosesten. Es ist eine produktive Beharrlichkeit, ein Gefühl von Kompetenz und Gelingen, gepaart mit beruflichem Erfolg, die zu Gesundheit und langem Leben führen. Während Ehrgeiz und harte Arbeit sich also positiv auswirken, ist die viel gepriesene Fähigkeit, auch mal fünfe gerade sein zu lassen, nicht unbedingt förderlich. Denn auch nach dem Berufsleben bleibt Produktivität wichtig. Nicht die entspanntesten älteren Teilnehmer lebten am längsten, sondern diejenigen, die sich am meisten für das Erreichen ihrer Ziele engagierten, beobachteten die Forscher. Eine produktive Lebensweise (Nebenjob, neues Hobby oder Fortbildung)  spielt für Gesundheit und Lebensdauer tatsächlich eine noch größere Rolle als nur die sozialen Beziehungen oder die subjektive Zufriedenhit. Wobei das eine das andere bedingt: Aktive Rentner fühlen sich zumeist glücklicher und sind sozial besser eingebunden als diejenigen, die ihre Ruhe genießen.

Überhaupt wirkt sich ein Umfeld mit Freunden, Familie und sozialem Netzwerk positiv auf die Lebensspanne aus. Doch auch hier gab es überraschende Ergebnisse. So sind Ehe oder feste Partnerschaft keineswegs ein Garant für mehr Gesundheit und ein längeres Leben. Zwar lebten die stabil verheirateten Teilnehmer der Studie im Schnitt am längsten, doch auch Singles erreichten ein hohes Alter. Neben der Partnerschaft haben die sozialen Beziehungen einen entscheidenden Einfluss auf Gesundheit und Lebensdauer. Überraschend für die Forscher war, dass es weniger der Wohlfühlaspekt dieser Beziehungen ist, der ein hohes Alter begünstigt. Wer sich umsorgt und geliebt fühlt, ist zwar zufriedener. Einen Einfluss auf die Lebensdauer hat das jedoch nicht. Als viel wichtiger erwies sich die Bandbreite, Häufigkeit und Regelmäßigkeit der Sozialkontakte. Diejenigen mit einem großen Netzwerk lebten länger. Sein Netzwerk kann man jederzeit und ohne viel Mühe erweitern. Ob ehrenamtliches Engagement, Chor, Skatrunde oder Kaffeekränzchen – die Kraft des sozialen Miteinanders ist enorm, denn sie schenkt nicht nur ein erfülltes, sondern auch ein längeres Leben.

Die Forschungsergebnisse fanden ihren Niederschlag in dem Buch “The Longevity Project. Surprising Discoveries for Health and Long Life” von den Autoren Howard S. Friedman und Leslie R. Martin. Jetzt ist das Buch auch auf Deutsch erschienen. Sein Titel: „Die Long-Life-Formel – was für ein langes Leben wichtig ist“ (317 S., Beltz, 19,95 €). (Text: Annina Pietza/Senioren Journal, Fotos: Taalvi, tbel - Fotolia)