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Zwerchfelltraining: Atmen - nicht selbstverständlich

„Weiteratmen, das ist der Trick.“ Dieser Satz stammt aus dem Film „Der Herr der Ringe“. Gimli, der Zwerg, muss tagelang rennen und er macht sich Mut, in dem er auf die Selbstverständlichkeit des Atmens hinweist. 

Atmen oder Weiteratmen - gesunde Menschen müssen sich darüber keine Gedanken machen - es funktioniert einfach. Doch manchmal funktioniert es eben nicht mehr. Bei einer Operation zum Beispiel werden die meisten Patienten intubiert und künstlich beatmet. Eine Maschine übernimmt dann die Arbeit, Luft in die Lungen zu pumpen. Auch für Patienten, die einen Unfall hatten oder an einer schweren Lungenerkrankung leiden, kann die künstliche Beatmung lebensrettend sein. 

„Weiteratmen, das ist der Trick.“

Auf der Intensivstation im Krankenhaus Bad Oeynhausen stehen zwei Betten für das Weaning zur Verfügung. Hier kümmern sich Oberarzt Dr. Andreas Fömmel und Chefarzt Dr. Jost Niedermeyer um eine Entwöhnungs-Patientin. (Foto: MKK)

Doch wer lange diese Unterstützung erhalten hat, der verlernt mitunter das eigenständige Atmen. Für diese Patienten hat sich die Intensivstation im Krankenhaus Bad Oeynhausen spezialisiert. „Weaning“, oder auf Deutsch „Entwöhnung“, nennt sich das, was das Expertenteam dort mit zwei Betten anbietet. 

„Stellen Sie sich vor, Ihre Lunge und das Zwerchfell wären ein Marathonläufer und würden ständig trainieren und die etwa 42 Kilometer lange Strecke gut bewältigen können. Dann muss dieser Läufer aufgrund einer Verletzung ein Jahr pausieren, er würde den Marathonlauf zunächst nicht schaffen.“ 

Mit dem Vergleich versucht Dr. Jost Niedermeyer, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Pneumologie am Krankenhaus Bad Oeynhausen, zu verdeutlichen, was bei Beatmungspatienten passieren kann. „Genauso verhält es sich eben mit den Atmungsorganen im menschlichen Körper. Ohne ständiges Training verliert der Körper die Fitness. Mit unserem Weaning-Programm machen versuchen wir die Patienten wieder fit zu machen für den ständigen Atem-Marathon.“ 

In den zurückliegenden Jahren hat es eine stetige Zunahme bei den Beatmungszahlen gegeben.

Mit Hilfe einer Beatmungsmaske können die Patienten schrittweise daran gewöhnt werde, wieder alleine zu atmen. (Foto: MKK)

Wachsendes Problem

In den zurückliegenden Jahren hat es eine stetige Zunahme bei den Beatmungszahlen gegeben. Allein in Deutschland müssen Jahr für Jahr 400.000 Patienten künstlich beatmet werden. „Bei den allermeisten kann man nach der kurzzeitigen künstlichen Beatmung die Geräte wieder abnehmen und die Patienten können alleine, spontan, wie wir das nennen, weiteratmen“, erklärt Andreas Fömmel, Oberarzt in der Klinik für Innere Medizin und Pneumologie am Krankenhaus Bad Oeynhausen. 

„Doch etwa 60.000 Menschen schaffen das nicht. In vielen Fällen droht eine dauerhafte Langzeitbeatmung. Hier setzen wir mit unserem Weaning-Programm an.“ Es ist eine komplexe Trainingstherapie, die auf der Intensivstation am Krankenhaus Bad Oeynhausen angeboten wird. Zwei Betten stehen hier für die Arbeit am und mit den Patienten zur Verfügung. 

Neben den besonderen technischen Ausstattungsmerkmalen ist es in allererster Linie das interprofessionelle Team, welches das Weaning ermöglicht. „Wir haben hier speziell geschulte Pflegekräfte, Atem- und Physiotherapeuten und natürlich auch spezialisierte Mediziner. Nur im Zusammenspiel aller Disziplinen und Professionen können wir gemeinsam mit den Patienten und Angehörigen, die sich in einer sehr schwierigen Lage befinden, ein möglichst gutes Behandlungsergebnis erreichen“, verdeutlicht Niedermeyer die Komplexität der Herausforderung. 

Beatmete Patienten sind meist sediert und verbringen die Zeit  in einer Art Tiefschlaf. Hier gilt es, sie trotzdem wieder an einen Tag- Nachtrhythmus zu gewöhnen. Spezielle Stühle stehen zur Verfügung, so dass die Patienten auch mal wieder ins Freie gefahren werden können. „Wir haben ein breites Instrumentarium, wie wir die Patienten schrittweise und individuell unterstützen, damit sie sich wieder herantasten können, ohne die künstliche Pumpe atmen zu können“, betont Oberarzt Fömmel. 

So versuchen die Experten möglichst früh von einem Tubus, der in der Luftröhre zwischen den Stimmlippen eingeführt ist, auf eine Atemmaske umzusteigen, sie können der Atemluft mehr oder weniger Sauerstoff beimengen, sie können Trainingseinheiten mit einer Vibrationsweste einschieben, den Medikamentenmix genau anpassen, und, und, und. 

Seit einem Dreivierteljahr bietet das Krankenhaus Bad Oeynhausen als einziger Standort der Mühlenkreiskliniken das strukturierte Weaning-Projekt an.

Luftdruck an, Luftdruck aus - im stetigen Wechsel rüttelt die Vibrationsweste die Patienten durch und stimuliert so die erschlaffte Atemmuskulatur. Oberarzt Dr. Andreas Fömmel (l.) und Chefarzt Dr. Jost Niedermeyer demonstrieren die Arbeitsweise der Weste im Selbstversuch. (Foto: MKK)

Seit einem Dreivierteljahr bietet das Krankenhaus Bad Oeynhausen als einziger Standort der Mühlenkreiskliniken das strukturierte Weaning-Projekt an. 20 Patienten konnten in dieser Zeit behandelt werden. „Wir wollen hier nicht den Eindruck erwecken, wir wären die Alleskönner und könnten jedem Patienten langfristig ein Leben ohne künstliche Beatmung ermöglichen“, stellt Chefarzt Niedermeyer fest. 

„Wir haben gute Ergebnisse bei der Behandlung, aber man darf nicht vergessen, dass es sich um schwer- und schwerstkranke Menschen handelt. Hier versterben auch Patienten, manche müssen auch nach der Behandlung in einem auf die Beatmung spezialisierten Pflegeheim leben. Aber, und darauf sind wir sehr stolz, bei über einem Drittel gelingt es, dass die Menschen wieder alleine längere Zeit atmen können und das ist für mich und das ganze Team immer wieder ein tolles und berührendes Erfolgserlebnis.“

(Text: Steffen Ellerhoff - Mühlenkreiskliniken AöR)

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